Akademisches Lehrkrankenhaus der Philipps Universität Marburg
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Klinik für Anästhesiologie & Intensivmedizin Die Betäubungsverfahren

Allgemeinanästhesie

Die in der Bundesrepublik Deutschland am häufigsten durchgeführte Narkoseart ist die Allgemeinanästhesie. Hierbei werden das Bewusstsein und die Schmerzempfindung ausgeschaltet. Durch die Gabe eines starken Schmerzmittels (Analgetikum), meist aus der Gruppe der Opiate, und eines Schlafmittels (Sedativum) wird ein sehr tiefer Schlaf erzeugt, der die Eigenatmung des Patienten unterdrückt. Deshalb wird, wenn der Patient nach Gabe der Narkosemedikamente über eine Infusionskanüle schnell und sanft eingeschlafen ist, unbemerkt vom Patienten entweder ein Beatmungsschlauch (Tubus) in die Luftröhre oder eine Beatmungsmaske (Larynxmaske) in den Rachenraum geschoben.

Die weitere Narkose wird entweder mit einem Gemisch aus Sauerstoff und Narkosegasen oder der kontinuierlichen Verabreichung von Schlafmitteln in die Vene (TIVA: total intravenöse Anästhesie) aufrechterhalten, zusätzlich werden sehr starke Schmerzmittel verabreicht.

Diese Verfahren erlauben es uns, die Narkose sehr fein zu steuern und ständig an die Erforderlichkeiten der Operation anzupassen. Am Ende der Operation wird reiner Sauerstoff verabreicht, um die Narkosegase aus dem Körper “auszuwaschen”, bzw. wird die Verabreichung des Schlafmittels in die Vene gestoppt. Der Patient erwacht in aller Regel recht schnell und kann gefahrlos zur Weiterbehandlung bzw. Überwachung an den Aufwachraum oder die Station übergeben werden.

Regionalanästhesie

Eine Alternative zur Allgemeinanästhesie ist für bestimmte Operationen die Regionalanästhesie. Es werden hierbei nur bestimmte Körperregionen anästhesiert, der Patient bleibt wach, kann aber auf Wunsch ein leichtes Schlafmittel bekommen.

Man unterscheidet zwischen den rückenmarknahen Verfahren wie Spinal- und Periduralanästhesie, bei denen der Bauchraum und die Beine anästhesiert werden und der peripheren Regionalanästhesie, bei der nur einzelne Extremitäten anästhesiert werden.

Spinalanästhesie

Für den Fall, dass eine regionale (=”örtliche”) Betäubung vom Patienten gewünscht wird, bespricht der Anästhesist das für den operativen oder diagnostischen Eingriff geeignete Verfahren. So kommt z. B. bei Operationen an den unteren Extremitäten bzw. am Unterbauch eine sogenannte “Spinalanästhesie” in Frage. Hierbei wird das betäubende Medikament, das zur Gruppe der Lokalanästhetika (= örtliche Betäubungsmittel) gehört, in Höhe der Lendenwirbelsäule in den Nervenwasserraum der rückenmarknahen Nerven gespritzt. Das Medikament verteilt sich um die Nerven herum und nach etwa 10 – 20 Minuten sind die unteren Extremitäten bzw. der Unterbauch betäubt. Während der Operation spürt der Patient nichts, ist aber wach und orientiert. Je nach Situation kann dem Patienten auch ein Beruhigungsmittel verabreicht werden, sodass die Operation “verschlafen” wird.

Alternativ dazu ist es auch möglich, dass sich der Patient durch seine Lieblingsmusik vom Geschehen um ihn herum ablenkt.

Die Spinalanästhesie lässt sich beispielsweise bei Eingriffen wie einem Kaiserschnitt, einer herkömmlichen Leistenbruchoperation und bei den Operationen an den gesamten unteren Extremitäten, wie Hüftgelenkoperationen, Kniegelenkoperationen, etc. durchführen.

Periduralanästhesie

Vor allem zur Schmerztherapie, z. B. zur Verminderung der Geburtswehen oder zur Behandlung starker Schmerzen nach Operationen an den unteren Extremitäten oder im Bauch- oder Brustraum ist die “Periduralanästhesie” ein mögliches Verfahren.

Im Gegensatz zur Spinalanästhesie wird ein feiner Katheter, bzw. das Lokalanästhetikum, vor dem Nervenwasserraum platziert und das Lokalanästhetikum wird u. a. über die Nervenwurzeln des Rückenmarks aufgenommen und kann so seine Wirkung entfalten.

Da bei dieser Methode ein feiner Katheter gelegt wird, kann die Injektion, im Rahmen der Maximaldosierung, wiederholt werden.

Im Bedarfsfall, z. B. bei einer großen Bauchoperation, kann die Periduralanästhesie ohne weiteres mit einer Vollnarkose verbunden werden. Mit einer geeigneten Medikamentenpumpe kann über den Periduralkatheter in den Tagen nach der Operation eine sehr gezielte und effektive Schmerztherapie durchgeführt werden.

Intravenöse Regionalanästhesie

Für operative Eingriffe an den oberen Extremitäten stehen auch Regionalanästhesieverfahren zur Verfügung. Eine mögliche Methode ist die “Intravenöse Regionalanästhesie = IVRA”. Bei dieser Methode wird zunächst an der zu operierenden Seite ein venöser Zugang gelegt. Danach wird am Oberarm eine arterielle Blutdruckmanschette angelegt, die, nachdem das vorhandene Blut aus dem Arm ausgestrichen bzw. ausgewickelt wurde, aufgeblasen wird, so das keine Blutzirkulation mehr stattfindet. Das Gefäßsystem wird, über den zuvor gelegten venösen Zugang, mit einem Lokalanästhetikum gefüllt und die Betäubung tritt ein. Nach Beendigung der Operation, aber frühestens nach 20 Minuten, wird die Druckmanschette am Oberarm langsam geöffnet, eine Blutversorgung findet wieder statt und die Betäubung verliert dann rasch ihre Wirkung.

Plexus Brachialis Anästhesie

Als weitere Methode zur Betäubung der oberen Extremität steht die Betäubung des Armnervengeflechts zur Verfügung.

Hierbei wird das in eine starke, bindegewebige Hülle einschneidende Nervengeflecht des Arms mit Hilfe eines Ultraschallgerätes oder eines schwachen Reizstromimpulses aufgesucht. Der Strom ist so schwach, dass, außer Zuckungen im Arm, keine Unannehmlichkeiten für den Patienten entstehen.

Nachdem das Nervengeflecht aufgefunden ist, wird ein Lokalanästhetikum in die Umhüllung um die Nerven gespritzt. Nach etwa 20 – 40 Minuten ist der Arm betäubt und die Operation kann durchgeführt werden. Bei Bedarf lässt sich gleichzeitig mit der Injektion ein dünner Kunststoffkatheter nahe an die Nerven legen, über den nach der Operation mit Hilfe einer elektronisch gesteuerten Medikamentenpumpe geeignete Medikamente zur effektiven Schmerztherapie gegeben werden.