Akademisches Lehrkrankenhaus der Philipps Universität Marburg

Adipositas: Wie gut es sich mit 80 Kilogramm weniger lebt

Zusammengerechnet haben Harald Ludwig, Anke-Maria Binder und Udo Schäfer mehr als 150 Kilogramm abgenommen. Mit im Bild Chefarzt Dr. Alfred Cassebaum und Diabetes- und Ernährungsberaterin Beate Schnell.

Er ist ein Mann wie ein Baum: Groß, kräftig. Und dass er mittlerweile Spaß an Bewegung habe, nimmt man Harald Ludwig ab. „2000 Kilometer bin ich im vergangenen Jahr mit dem Fahrrad gefahren“, erzählt der Handwerksmeister aus dem Frankenberger Stadtteil Rengershausen. Im Frühjahr 2015 wäre dies noch unmöglich gewesen. Denn Ludwig war übergewichtig. Nicht ein bisschen, so wie 30 Prozent der Deutschen. Sondern krankhaft übergewichtig: adipös, wie es in der Fachsprache heißt. Doch nicht nur das Gewicht machte ihm zu schaffen, sondern auch die Begleiterkrankungen. Harald Ludwig hatte Gicht. Die meisten übergewichtigen Menschen leiden an Diabetes mellitus Typ 2, Schlafstörungen oder Bluthochdruck. Das Risiko, einen Schlaganfall- oder einen Herzinfarkt zu erleiden, ist dreifach erhöht.

„Seit meinem vierten Lebensjahr war ich übergewichtig“, erzählt der Zimmermann. Unzählige Male hat er versucht, das Gewicht in den Griff zu bekommen. Mit dem Ergebnis, das den meisten Menschen bekannt ist, die sich an Diäten versuchen: der Jojo-Effekt tritt ein. Denn eine dauerhafte Gewichtsreduzierung ist allein mit weniger Essen nicht möglich – das beweisen zahlreiche Studien. Etliche weitere Faktoren gilt es zu beachten. Die Gründe des Übergewichts können von genetischer Veranlagung über falsche Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten bis hin zu unentdeckten Krankheiten reichen.

Multiprofessionelles Team

Doch irgendwann war bei Harald Ludwig der Punkt gekommen, an dem das Verlangen nach einem neuen Leben größer war als die Macht der alten Gewohnheiten. Er vertraute sich Dr. Alfred Cassebaum an, der als Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie im Kreiskrankenhaus Frankenberg seit 2014 eine Adipositas-Sprechstunde im Medizinischen Versorgungszentrum anbietet. Mit Unterstützung eines multiprofessionellen Teams aus Ärzten, Therapeuten und Ernährungsberatern hat Ludwig seitdem eine Erfolgsgeschichte geschrieben. Die erzählte er am Dienstagabend gerne den Besuchern des Info-Abends „Adipositas“, zu dem der Chefarzt und die im Juli 2014 gegründete Selbsthilfegruppe eingeladen hatten: „83 Kilo habe ich abgenommen.“

Bei den Erfahrungsberichten aus der Selbsthilfegruppe wird jedoch deutlich, dass allein die Zahl der  verlorenen Pfunde weniger gewichtig ist als der verbesserte gesundheitliche Allgemeinzustand und die Zunahme an Lebensqualität. „Heute kann ich mich doch sehen lassen, oder?“, fragt beispielsweise Anke-Maria Binder aus Frankenberg-Hommershausen in die Runde. Mehr als 50 Kilo hat sie abgenommen. „Endlich kann ich wieder in normalen Geschäften Kleidung kaufen.“ Sie erzählt vom neu gewonnenen Selbstvertrauen, dass das Leben leichter und der Umgang mit Essen einfacher geworden ist. „Mein Körper sagt mir heute, was er braucht.“ Das Bedürfnis nach Fleisch habe nachgelassen, die Lust auf Gemüse zugenommen. „An Schokolade kann ich vorbeigehen.“ Wobei dies nicht bedeutet, dass sie den süßen Dingen des Lebens abgeschworen hat. „Aber wenn ich heute ein Stück Torte genossen habe, dann bin ich einfach satt.“ Und sie gibt den Zuhörern eine entscheidende Botschaft mit auf den Heimweg: „Der Kopf wird nicht operiert.“

Das bestätigt eine Patientin, die in der vergangenen Woche operiert wurde und sich noch zur Nachsorge stationär im Kreiskrankenhaus befindet. „Die Zeit vor der Operation ist sehr wichtig, um sich mit der Situation auseinanderzusetzen. Denn wir reden hier nicht von einer Schönheitsoperation.“ Das Leben ändere sich elementar. Und damit müsse auch der Kopf erst einmal zurechtkommen.    

Anke-Maria Binder und Harald Ludwig zählen zu den 25 Adipositaspatienten, die Chefarzt Dr. Cassebaum im Kreiskrankenhaus operiert hat. Deutschlandweit unterziehen sich jährlich rund 10.000 Menschen einem bariatrischen Eingriff (Adipositaschirurgie). Während kaum noch Magenbänder eingesetzt werden, kommt den Magenverkleinerungen und Magenbypässen mittlerweile die größte Bedeutung zu. Mit Bypässen lassen sich vor allem die Begleiterkrankungen gut in den Griff bekommen. Doch die Wahl des Mittels muss ganz individuell ermittelt werden – und ist von etlichen Faktoren abhängig.

Und die sind so zahlreich wie die Facetten des Konzepts, auf dessen Basis krankhaft übergewichtige Menschen in Frankenberg behandelt werden. Am Anfang steht die umfassende Diagnostik. Abgeleitet wird ein mehrmonatiger individueller Behandlungsplan, in dem es um Bewegung, Ernährung und das richtige Verhalten geht. „Adipositasbehandlung ist Teamwork“, sagt Dr. Alfred Cassebaum. „Und zwar von vorne bis hinten.“ Eingebunden sind ebenso Verhaltenstherapeuten wie Ernährungsberater.

Kostenübernahmeantrag als Meilenstein

Ein Meilenstein ist das Urteil der Krankenkasse. Vor einem Eingriff muss in einem umfassenden Verfahren die Kostenübernahme beantragt werden.

Die eigentliche OP ist dann nur noch ein Baustein. Ein weiterer ist die Selbsthilfegruppe, der Udo Schäfer aus Korbach-Hillershausen vorsteht. Jeden letzten Dienstag im Monat kommen die Mitglieder um 19 Uhr in der Personalcafeteria des Kreiskrankenhauses zum Meinungs- und Erfahrungsaustausch zusammen – regelmäßig auch mit dem Chefarzt. „Denn meine Patienten sind absolute Experten. Und das in allen Stadien der Behandlung.“ Doch die Rückmeldungen und die Fragen an den Facharzt für Chirurgie und Viszeralchirurgie sind das eine, das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der Gruppe Gleichgesinnter das andere. „Wir sind eine gute Truppe“, sagt Anke-Maria Binder und verweist auf die regelmäßigen Treffen, bei denen Bewegung im Vordergrund steht.

Für Anke-Maria Binder, Udo Schäfer oder Harald Ludwig ist die jahrelange Leidenszeit Vergangenheit. In regelmäßigen Abständen stellen sie sich weiterhin dem Chefarzt in der Sprechstunde vor. So wird der dauerhafte Behandlungserfolg sichergestellt. Blutuntersuchungen gewährleisten, dass Mangelerscheinungen rechtzeitig erkannt und verhindert werden. Adipositaspatienten bleiben sie ihr Leben lang. Aber sie werden es mit großer Wahrscheinlichkeit länger genießen können, als wenn sie sich nicht gemeinsam mit Ärzten und Therapeuten auf den Weg in das neue Leben gemacht hätten.  

Zurück