Akademisches Lehrkrankenhaus der Philipps Universität Marburg

Heiligabend im Kreißsaal: Warten aufs Christkind

Im Kreißsaal auf das Christkind warten: Im vergangenen Jahr durfte Hebamme Yvonne Schroebler (Vierte von links) am Nachmittag des 24. Dezembers die Geburt der kleinen Ferza begleiten.

Der Zauber der Geburt entfaltet am 24. Dezember eine besondere Wirkung. Vom Heiligabend im Kreißsaal des Kreiskrankenhauses erzählt Hebamme Yvonne Schroebler.

Ist der Dienst an Heiligabend der unbeliebteste des Jahres? 

Nein, sicherlich nicht. Jeder ist Heiligabend gerne zuhause, bei den Kindern oder der Familie. Aber es gehört nun mal zu unserem Job dazu, dass wir auch nachts und an Feiertagen arbeiten. Und wenn man Heiligabend arbeitet und eine Frau im Kreißsaal hat, dann ist es besonders schön - weil es einfach ein besonderer Tag ist.

Aber auf der Wunschliste steht Heiligabend im Kreißsaal sicherlich nicht ganz oben, oder?

Wir haben im Kreißsaal zwei Gruppen: Silvester und Weihnachten. Wir wechseln uns ab. Vergangenes Jahr hatte ich am 24. Dezember am Nachmittag Dienst. Und ich durfte auch die Geburt eines kleinen Mädchens begleiten. Dieses Jahr bin ich Silvester dran. Außerdem wird berücksichtigt, wer zuletzt Nachtdienst gemacht hat. Und auf unsere Kolleginnen mit kleinen Kindern versuchen wir ebenfalls zu achten.

Wie unterscheidet sich der Dienst von anderen?

Der Abend ist emotionaler. Zumindest empfinde ich das so. Und im Vorfeld ist etwas mehr Planung nötig, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Die Kollegin, die tatsächlich Heiligabend im Kreißsaal arbeitet, zieht das Essen mit der Familie oder die Bescherung einfach etwas vor. Und der Spätdienst feiert vielleicht etwas später Weihnachten. Aber mit etwas Vorbereitung kann man schon ruhigen Gewissens in den Dienst gehen - und sich auch darauf freuen. 

Werden am 24.12. weniger Kinder geboren als an anderen Tagen?

Im Kreißsaal ist es häufig so, dass wir entweder sehr viele Frauen zeitgleich haben, oder dass auch mal ein Tag Flaute ist. Angesichts des Feiertages versuchen die Frauen natürlich, eher zuhause zu bleiben. Wer dann kommt, der hat auch tatsächlich Wehen und bekommt sein Kind. Wenn die Frauen erst einmal da sind, dann führt meistens eh kein Weg mehr an der Geburt vorbei. Und dann machen die Frauen auch mit - und alles ist so, wie es sein soll. 

Ist bei den Frauen der Wunsch groß, nicht am 24., sondern vielleicht doch erst am 25. zu gebären?

Man merkt schon an den Feiertagen, besonders natürlich Heiligabend und Silvester, dass die Frauen erst kommen, wenn die Festlichkeiten vorbei sind. Oder dass sie am 24. ganz früh in den Morgenstunden kommen - dann oft in der Hoffnung, dass sie abends vielleicht schon wieder zuhause im Kreis der Familie sind. Viele Frauen wünschen sich auch, dass sie nicht stationär aufgenommen werden, sondern ambulant, um abends wieder nach Hause gehen zu können. Dieser Wunsch lässt sich natürlich nicht immer erfüllen.

Und wenn ein Kind dann doch Heiligabend kommt...

Dem einen Teil ist es relativ egal. Die Frauen denken dann: Es soll so sein. Andere wünschen sich schon einen anderen Tag, vor allem für die Kinder, die Heiligabend Geburtstag haben. Aber nach der Geburt spielt das Datum keine Rolle mehr. Dann überwiegt die Freude über das Kind.

Fernab des Geburtstages - gibt es weitere Besonderheiten dieses Tages?

Ab und an verändert sich die Namensgebung: dass ein Kind dann beispielsweise Noel heißt. (Anmerk. d. Redaktion: altfranzösisch, „Tag der Geburt Christi“). Meistens ist den Frauen ja schon vorher klar, dass das Kind etwa an Weihnachten kommt. Und wenn das Kind dann tatsächlich Heiligabend geboren wird, dann soll es auch entsprechend heißen.

Können Sie sich an eine Weihnachtsgeschichte im Kreißsaal erinnern?

Jede Geburt ist bewegend. Und jede Geburt ist schön. Einzig die Atmosphäre ist anders: Wenn man Heiligabend tatsächlich eine Frau betreut und die Zeit im Kreißsaal verbringt, und dennoch die Feierlichkeit des Tages aufrecht erhalten möchte, dann ist das schon etwas Besonderes.

Und wenn im Kreißsaal nichts los ist - sitzen Sie dann alleine vor dem Adventskranz und warten?

Nein, dann gehen wir auf Station und helfen den Kolleginnen dort. Natürlich bringt dann jeder auch etwas mit. Entweder man schafft es dann, gemeinsam eine Kleinigkeit zu essen - und wenn es nur Kekse sind und wir gemeinsam Kaffee trinken. Und wenn auf der Mutter-Kind-Station viel zu tun ist, dann ist es eben so. Aber wir versuchen natürlich schon, uns den Abend etwas schön zu machen. Ganz alleine im Kreißsaal sitzen wir jedenfalls nicht. Das wäre aber auch kein schöner Heiligabend.

Hintergrund:

Yvonne Schroebler ist 28 Jahre alt und arbeitet seit 2014 als Hebamme im Kreiskrankenhaus in Frankenberg. Mehr als 450 Kinder erblicken jährlich in der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe von Chefarzt Dr. Volker Aßmann das Licht der Welt.

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