Akademisches Lehrkrankenhaus der Philipps Universität Marburg
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Klinik für Geriatrie Altersmedizin

Interview mit Dr. Jörg Schwab

Die Geriatrie, also die Altersmedizin, ist die Lehre von den Krankheiten des alternden Menschen. Herr Dr. Schwab, wann ist ein Mensch überhaupt alt?

Das Alter, das man am Kalender ablesen kann, macht den Menschen nicht unbedingt alt. Wichtiger ist das sogenannte biologische Alter. Wenn ein Mensch an mehreren Organsystemen krank ist, vielleicht schon Muskelschwäche oder ein nachlassendes Gedächtnis hat, dann wird er älter.

Was sind typische Erkrankungen älterer Menschen?

Viele Krankheiten im Alter fangen mit O an: Osteoporose, Obstipation, Orthostase, das sind Kreislaufschwierigkeiten beim Aufstehen. Andere fangen mit I an: Inkontinenz, Immobilität, Isolation, Insomnie, das ist Schlaflosigkeit, und intellektueller Abbau. Auch Depressionen kommen häufig vor.

Unterscheidet sich ein- und dieselbe Krankheit bei einem alten von einem jungen Menschen?

Ja. Wenn ein junger Mensch eine Lungenentzündung bekommt, ist das schlimm, aber in der Regel folgenlos. Die Lunge ist krank, aber alle anderen Organe sind gesund. Beim alten Menschen kann bei der Kreislaufbelastung das Herz schlapp machen oder wegen der Sauerstoffarmut im Blut können Hirnleistungsschäden auftreten. Krankheiten im Alter sind oft komplizierter, komplexer.

Alte Menschen sind doch aber auch in der Vergangenheit schon im Kreiskrankenhaus behandelt worden. Was wird in der Geriatrie anders gemacht als in den Fachabteilungen, etwa in der Inneren Medizin?

Der Anspruch der Geriatrie ist, dass alte Menschen nach einem Aufenthalt im Krankenhaus möglichst wieder soviel können wie vor dem Aufenthalt. Deshalb werden sie sehr früh aus dem Bett genommen, deshalb werden sie von Therapeuten behandelt. Geriatrie-Patienten werden zum Beispiel nicht einfach gewaschen, nein, sie werden dazu angeleitet, sich selbst zu waschen, sich anzuziehen.

 

Die Geriatrie ist eine vergleichsweise junge Lehre. Wie ist dieser interdisziplinäre Behandlungsansatz begründet?

Menschen im Alter sind oft an mehreren Organen krank. Multimorbidität nennen wir das. Die Medizin ist in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts immer spezialisierter geworden. Es gibt immer mehr Spezialisten für verschiedene Organsysteme. Das ist gut. Denn ein Arzt kann ja nicht alles können. Dennoch ist das für alte Menschen eher ungünstig. Da sind Kenntnisse von anderen Organen, insbesondere auch vom Gehirn wichtig. Das hat man in den achtziger Jahren erkannt und für alte Menschen Geriatrien eingerichtet. Der Ansatz in der Geriatrie ist die ganzheitliche Betrachtung des Menschen. Geriater sind nicht Spezialisten für Organsysteme, sondern mehr Allgemeinärzte für Senioren.

Welche Behandlungsziele werden in der Geriatrie verfolgt?

Das erste Ziel der geriatrischen Behandlung ist natürlich die Steigerung der Lebensqualität. Das zweite Ziel ist der individuell größtmögliche Aktionsradius. Das ist für den einen Senior der Besuch von Theatervorstellungen, für einen anderen Senior der Gang am Rollator zur Toilette. Es gibt allerdings noch einen weiteren Aspekt: Ein fitter alter Mensch kostet den Staat kaum Geld. Ein pflegebedürftiger Mensch wird teuer. Deshalb hat auch der Staat ein Interesse daran, dass ältere Menschen in Geriatrien behandelt werden.

An welchen Krankheiten muss ein alter Mensch leiden, um in der Geriatrie und nicht in einer Fachabteilung behandelt zu werden?

Oft kommen Menschen nach Operationen oder nach schweren Erkrankungen, etwa einem Schlaganfall, in die Geriatrie. Besonders dann, wenn es Organsysteme gibt, die noch nicht wieder in Ordnung sind, wenn zum Beispiel das Herz noch überlastet ist oder der Patient noch nicht wieder gut denken kann. Dann ist natürlich die Abklärung von Stürzen eine Domäne der Geriatrie. Stürze sollen sich ja nicht wiederholen.

Wie wird entschieden und wer entscheidet überhaupt, ob ein Patient in der geriatrischen Abteilung behandelt wird?

Wir haben in der Geriatrie Mitarbeiter, die die genannten Ziele verfolgen. Wenn nun ein Patient gar nicht die Möglichkeit hat, auf die Beine oder in den Rollstuhl zu gelangen, braucht er diese Mitarbeiter nicht. Ein anderer Patient, der schon vor das Krankenhaus zum Rauchen gehen kann, braucht dieses Equipment auch nicht. Deshalb entscheiden wir Ärzte bei der Aufnahme, wer behandelt wird.

Welche Rolle spielt bei der Einweisung in die Geriatrie der Hausarzt?

Der Hausarzt überweist den Patienten in die Geriatrie. Er kann das tun, indem er ein Anmeldeformular an das Kreiskrankenhaus faxt. Nach meiner Erfahrung rufen Ärzte aber lieber an, um dem Geriater deutlich zu machen, was für eine Hilfe benötigt wird.

Oft werden Geriatrie und Palliativmedizin verwechselt. Das Kreiskrankenhaus verfügt über beide Bereiche. Wie grenzen sie sich voneinander ab?

Geriatrie befasst sich mit alten Menschen, die wieder fit werden wollen. Das ist deren Lebensqualität. Palliativmedizin befasst sich mehr mit unheilbar kranken Tumorpatienten, die in der verbleibenden Lebensspanne Lebensqualität trotz ihrer unangenehmen Symptome (etwa Schmerzen, Luftnot, Übelkeit) bekommen wollen.

Fernab der Behandlung durch die Ärzte - unterscheidet sich auch der Pflegeansatz?

Es gibt für jede Disziplin spezialisierte Pflege. Der Geriatriepfleger zielt auf aktivierende Pflege, die palliative care-Schwester sorgt mehr für Ruhe und Empathie in der Behandlung.

Die Rehabilitation steht im Mittelpunkt der Altersmedizin. Wie setzt sich das Team in Frankenberg zusammen?

Es gibt Krankengymnasten. Die sorgen dafür, dass Menschen sich aufsetzen lernen, dass sie aufstehen und mit oder ohne Hilfsmittel gehen. Der Aufbau der Kraft ist für sie ganz wichtig. Dann gibt es Ergotherapeuten. Die trainieren die Aktivitäten des täglichen Lebens, vom Waschen bis zum Kochen, von Geschicklichkeit im Kleinen bis zur Hirnleistung.  Zudem gibt es Logopäden. Die sorgen dafür, dass Menschen, die nur noch schlecht sprechen können, besser sprechen lernen. Oft sorgen sie auch für die Sicherheit beim Schlucken. Natürlich gibt es auch Masseure, die Wassereinlagerungen und Verspannungen therapieren. Vielleich kommen später noch Kunst- und Musiktherapeuten dazu. Da müssen wir sehen, wie das angenommen wird.

Herr Dr. Schwab, Sie arbeiten seit fast 30 Jahren in der Geriatrie. Warum haben Sie sich für diese Fachrichtung entschieden?

Mir hat das nicht gefallen, mich auf ein Organsystem zu kaprizieren. Ich hätte Angiologe (Arzt für Gefäße) oder Endokrinologe (Arzt für Drüsenerkrankungen)  werden können. Bei allem hätte ich ein schlechtes Gefühl gehabt, weil meine Maßnahmen Stückwerk bleiben mussten. In der Geriatrie habe ich dieses Gefühl nicht, auch wenn ich Menschen zu speziellen Untersuchungen oder Therapien zu Spezialisten schicken muss.